Maria Faustini

Maria Faustini
Kundin

Die 94 Jahre merkt man der resoluten, humorvollen Frau nicht an. Mit 21 Jahren kam Maria Faustini …

Die 94 Jahre merkt man der resoluten, humorvollen Frau nicht an. Mit 21 Jahren kam Maria Faustini aus Italien in die Schweiz, um den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn zu verdienen. Sie hat zwei Urenkelinnen, ihre «principesse», Prinzessinnen. Seit Dezember 2018 lebt sie im süssbach und hat hier ihre «seconda famiglia» gefunden, ihre zweite Familie.

«Man muss immer kämpfen im Leben», sagt Maria Faustini. Geboren und aufgewachsen ist sie in Belluno am Fuss der Dolomiten, einem laut Homepage «Idealort für einen entspannenden und familienfreundlichen Urlaub». Maria hat das anders erlebt: Grosseltern und Eltern waren contadini, Landwirte, und das bedeutete Arbeit von früh bis spät, auch für die Kinder. Da blieb kaum Zeit zum Spielen und für die Schule, fünf Jahre mussten genügen. Ihr Lehrmeister war das Leben, und das lehrte sie eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt: unabhängig zu sein, sich aus eigener Kraft durchzuschlagen ohne zu klagen und dabei den Humor nicht zu verlieren.

Sie bekam einen Sohn. War das damals ein Problem, ein uneheliches Kind zu bekommen? «Nein, es war das Schönste, was es gibt.»

Um sich und ihr Kind ernähren zu können, beschloss die junge Mutter 1950, jenseits der Alpen nach Arbeit zu suchen, wie so viele ihrer Landsleute damals. «Per mangiare, come tutti», um zu essen, wie alle. Sie spricht eine ganz eigene, charmante Mischung aus Italienisch, Aargauertüütsch und Deutsch. In Windisch fand sie schnell eine Wohnung und in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden Arbeit. Vielseitig wie sie ist, hat sie gemacht, was gerade anfiel – hat geputzt, ist mit den Patienten spazieren gegangen, hat sie unterstützt. Das hat sie so gut gemacht, dass sie schliesslich gebeten wurde, einmal wöchentlich in der Klinik zu übernachten. Den kleinen Sohn nachts alleinlassen? Nein. Also suchte und fand sie eine neue Stelle, bei den Kabelwerken Brugg (heute: Brugg Kabel AG). Am Ende ihres Arbeitslebens hatte Maria Faustini 40 Jahre Vollzeitbeschäftigung hinter sich. Das Schönste in ihrem Leben? «Vivere con mio figlio», das Zusammenleben mit ihrem Sohn. Sie hat einen Enkel und zwei Urenkelinnen, ihre Prinzessinnen. Die Familie wohnt in Riniken und kommt oft zu Besuch, der süssbach ist in 30 Minuten zu Fuss erreichbar, jedenfalls für die jungen Leute. Und dann ist da noch ihre zweite Familie, die sie hier gefunden hat: eine Freundin, die wie eine ältere Schwester für sie war und leider vor kurzem gestorben ist, und ihr «chli maiteli». Ihr kleines Mädchen, das ist eine junge Mitarbeiterin, mit der sie Italienisch redet und Spass macht. Den anderen Kundinnen und Kunden im süssbach steht Maria Faustini gerne mit ihrer reichen Lebenserfahrung und gutem Rat zur Seite. Zu den Waffen der Kämpferin gehören auf jeden Fall ihr Lachen und ihre Hilfsbereitschaft.

Damaris Zuckschwert

Damaris Zuckschwert
Mitarbeiterin Reinigung

«Ich habe zwei Zuhause», sagt Damaris Zuckschwert. Tansania ist ihr erstes Zuhause, und die Schweiz, …

«Ich habe zwei Zuhause», sagt Damaris Zuckschwert. Tansania ist ihr erstes Zuhause, und die Schweiz, wo sie seit 2003 lebt, ihre zweite Heimat. Es gebe da allerdings einen grossen Unterschied. 

Seit vier Jahren arbeitet Damaris Zuckschwert im süssbach und es gefällt ihr noch immer so gut wie am ersten Tag. Während sie das erzählt, strahlt sie, wie man es gelegentlich bei Ehepaaren sieht, die nach Jahrzehnten der Ehe noch wirken wie nach dem ersten Kuss. Sie arbeitet im Reinigungsteam und sorgt dafür, dass die Zimmer der Kundinnen und Kunden makellos sauber sind, ebenso die Praxis- und Behandlungsräume im Medizinischen Zentrum. Mit der Sauberkeit ist es ja so, dass sie in der Regel erst dann ins Bewusstsein gelangt, wenn der Blick auf einen Fleck, eine Staubfluse fällt. Im süssbach dagegen gibt es einfach keinen derartigen Blickfänger, weil alles wie selbstverständlich sauber ist. Gerade jetzt, in dieser besonders hygienebewussten Zeit, ist es eine grosse Erleichterung festzustellen: Hier ist alles perfekt. Dennoch klingt es zunächst überraschend, wird aber durch den blossen Augenschein bestätigt, wenn Damaris Zuckschwert sagt: «Für mich ist die Reinigung das Paradies. Ich hatte noch nie einen so guten Job wie hier.» Ihr gefällt die Arbeit an sich, aber auch der Teamgeist und die Selbstverständlichkeit, mit der sie selbstständig und «in Ruhe» ihre Arbeit machen kann. Das heisst: Niemand redet ihr rein, und ihre Chefin packt mit an und ist als Ansprechpartnerin präsent, wenn Fragen auftauchen. Das klingt angenehm unaufgeregt, so wie man es sich als Mitarbeiterin nur wünschen kann. Damaris Zuckschwert hat jedoch lange genug in anderen Firmen gearbeitet, um zu wissen, dass ein solch motivierendes Arbeitsklima nicht überall verbreitet ist. 

Vielleicht strahlt Damaris Zuckschwert deshalb so herzerfrischend, weil sie weiss, dass es ein Glücksfall und keine Selbstverständlichkeit ist, wenn es im Leben rundläuft. Als Zehnjährige ist sie mit ihren Eltern und Geschwistern von Kenia nach Tansania gezogen, und 2003 kam sie in die Schweiz, da war sie 25. Sie ist verheiratet; ihr Mann hat früher bei der Firma Zuckschwert Natursteinwerk in Staufen AG gearbeitet (er ist unterdessen pensioniert), und der 16-jährige Sohn absolviert gerade seine Lehre dort. Einmal im Jahr besucht sie ihre Mutter in Tansania, und ihre Schwester samt Sohn hat sie schon dreimal in der Schweiz besucht. 

Worin besteht der grösste Unterschied in der Mentalität oder Lebensweise zwischen Kenia und der Schweiz? «Das ist total verschieden», antwortet Damaris Zuckschwert und lacht. «Ich bin glücklich hier, jetzt ist das hier meine Heimat. Schweiz und Afrika, beides, eines allein geht nicht.» Der wesentliche Unterschied bestehe im Zusammenleben: In Kenia sei man praktisch nie allein, sondern immer mit der grossen Familie zusammen, mit Nachbarn und Freunden. In der Schweiz dagegen lebten viele Menschen allein und hätten meistens eine kleine Familie. «Hier, das gefällt mir», sagt sie. «Am Anfang war es nicht einfach, aber jetzt ist es gut.»

Ernesto Tschumi

Ernesto Tschumi
Kunde

Eigentlich heisst er Ernst, aber das passt wirklich nicht zu dem allseits beliebten Spassvogel, …

Eigentlich heisst er Ernst, aber das passt wirklich nicht zu dem allseits beliebten Spassvogel, daher nennen ihn alle Ernesto. Er ist weit gereist und hat viel zu erzählen. In Mexiko erschoss die Polizei vor seinen Augen drei Geldräuber, und plötzlich spürte er selber einen Gewehrlauf im Rücken ...

Cancún in Mexiko, eine Stadt an der Küste der Halbinsel Yucatán, zählt zu den beliebtesten Ferienzielen weltweit. Auch Ernesto Tschumi genoss seinen Karibikurlaub, das luxuriöse Hotel, den Whirlpool, die traumhaften Sandstrände. Bei einem Spaziergang ausserhalb des Hotels wurde er Zeuge eines Raubüberfalls: «Die Polizei hat alle drei erschossen, sie lagen vor meinen Füssen. Das Blut lief mir über die Schuhe. Die Polizei hat gemeint, ich sei auch beteiligt, sie drückten mir die Gewehre in den Rücken.» Das traumatische Erlebnis hat seine Reisefreude nicht beeinträchtigt. Er war mehrmals in Bulgarien, Ägypten, Jamaika, Guatemala. Auf den Seychellen ist er einmal fast ertrunken: «Ich kann ja nicht schwimmen, wir hatten kein Schwimmbad auf dem Bauernhof», erklärt er. 

Der Bauernhof, das ist die Sennhütte in Effingen, gute zwei Stunden Fussweg von Brugg entfernt. Heutzutage ist sie ein beliebtes Ausflugslokal mit Herberge. Als Ernst Tschumi dort als Zweitjüngster von acht Geschwistern aufwuchs, herrschte jedoch bittere Armut. Mangels Velo lief er eineinhalb Stunden zu Fuss in die Schule und wieder zurück, auch im strengsten Winter. Er erinnert sich an einen Skiausflug mit der Klasse: «Ich hatte nicht einmal Skier. Sie haben ein großes Feuer gemacht und die meisten von meinen Freunden hatten Cervelat dabei. Ich hatte nicht einmal einen Apfel. Das wurmt mich heute noch.» Nach der Sekundarschule arbeitete der sportliche und immer zum Scherzen aufgelegte junge Mann bei der Brief- und Paketpost in Brugg und Windisch, später im Bewachungsgewerbe bei der Securitas. 1970 heiratete er seine grosse Liebe Ruth, sieben Jahre später kam Stefan auf die Welt. Seine Frau starb mit gerade mal 43 Jahren, und von da an kamen die Einschläge immer näher: Zwei seiner Geschwister starben, mehrere gute Freunde, seine geliebten Katzen. Die Gesundheit macht ihm zunehmend zu schaffen; im Spital hat man ihn schon mehrmals aus dem Koma zurückgeholt. Er erinnert sich, wie er einmal in einem Raum voller Rauch lag: «Unser Herrgott sass in einem Stuhl, da habe ich geredet mit ihm und er hat die Hand ausgestreckt und die Lebensstrahlen gingen zu mir. Da erwachte ich wieder. Ja, ich hatte immer drei Engel.» 

Einer der Engel hat ihn offensichtlich mit unerschütterlichem Humor und Menschenfreundlichkeit beschenkt. Ernesto Tschumi ist bereits über Brugg hinaus bekannt als «der Tschumi», der oft beim Wunschkonzert der SRF-Musikwelle anruft, seinen Freunden und Mitbewohnern zum Geburtstag gratuliert und Geschichten von sich und Kater Simba erzählt. Am Todestag seiner Frau grüsst er sie und seine Katzen im Himmel. Einen richtigen Fanclub hat er schon bei den Hörerinnen und Hörern der Musikwelle. Zu den grössten Fans gehören seine Enkelkinder, ein Bub und ein Mädchen. «‹Opi, hab dich gern› sagen sie immer». Ernesto Tschumi strahlt übers ganze Gesicht. Seinen Enkeln wird er wohl auch drei Engel mit auf den Weg geben. 

Kurt Bossart

Kurt Bossart
Kunde

Kurt Bossart, Jahrgang 1945, lebt seit Juni 2019 im süssbach. Hier hat er endlich Zeit, seine …

Kurt Bossart, Jahrgang 1945, lebt seit Juni 2019 im süssbach. Hier hat er endlich Zeit, seine zahlreichen Interessen zu pflegen.

Fremdsprachen sind die grosse Leidenschaft von Kurt Bossart. Wenn er aufzählt, welche Sprachen er spricht oder zumindest versteht oder sie gerade lernt, von welchen er Grundkenntnisse hat oder die Alphabete lesen kann, kommt man aus dem Staunen nicht raus. Schweizerdeutsch, Schriftdeutsch, Französisch, Italienisch, Englisch, Spanisch und Portugiesisch, etwas Albanisch und Kroatisch. «Natürlich auch Latein, Griechisch und Bibelhebräisch», fügt er hinzu. Inzwischen hat er angefangen, Russisch und Ivrit zu lernen, modernes Hebräisch. Gefragt, wie er es schafft, sich das alles zu merken, antwortet er: «Man muss viele Wörter kennen und die ganze Grammatik. Wenn Sie eine Sprache lernen, müssen Sie immer auch die Grammatik lernen.» 

Das Thema Sprachen durchzieht das Leben von Kurt Bossart wie ein roter Faden, ebenso seine Ordnungsliebe und Disziplin. Die hat er von früher Kindheit an gelernt. Geboren ist er in St. Gallen. Sein Vater sei streng gewesen. Der Vater arbeitete im Schweizer Verlagshaus und redigierte das ehemals bekannte NSB Universal-Lexikon der Buchreihe Neue Schweizer Bibliothek. Auch Kurt war hier zeitweise beschäftigt. In Rapperswil absolvierte er eine KV-Lehre (kaufmännischer Verband) bei der Firma Geberit und einen Fremdsprachenaufenthalt in Neuenburg, «um meine Französischkenntnisse zu verbessern.»

30 Jahre lang war er Beamter bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich. Er arbeitete zunächst im Sekretariat und dann bis zu seiner Pensionierung als Sachbearbeiter in der Rechnungskontrolle. Sechs Jahre war er stellvertretender Abteilungsleiter. Kurt Bossart war zehn Jahre lang verheiratet, er hat zwei Söhne und viele Freunde und Bekannte. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin, die vor 13 Jahren verstorben ist, lebte er in einem Reiheneinfamilienhaus in Fislisbach (AG). Im Moment kann er seine Söhne aufgrund der coronabedingten Kontaktbeschränkung nicht so oft sehen, doch er macht das Beste daraus.

Genauer gesagt: Er veranstaltet ein- bis zweimal im Monat ein Wunschkonzert auf der Station. Denn Kurt Bossarts zweite grosse Leidenschaft ist die Musik – zur Freude aller im süssbach. Der Pianist spielt 36 Stücke auswendig, darunter Ballade pour Adeline, bekannt geworden durch Richard Clayderman, und Für Elise von Beethoven: «Ich spiele vor allem gerne Oldies, Evergreens von früher, auch Lieder von ABBA und den Beatles.» Sein Lieblingslied ist Yesterday: 

«Yesterday, all my troubles seemed so far away …» 
Gestern schienen all meine Probleme so weit weg zu sein ...

Ein schönes Lied, ein trauriges Lied. Glücklicherweise trifft es nicht auf die gegenwärtige Lebenssituation des beliebten Süssbach-Pianisten zu, denn er fühlt sich ausgesprochen wohl hier: «Es ist eine gute Einrichtung, die Pflege und das Essen sind gut und das Zimmer ist schön. Ich kenne viele Leute; man fühlt sich nicht allein.» 

Sprachen und Musik sind nicht die einzigen Interessen von Kurt Bossart. Er beschäftigt sich mit Politik und Religion, nutzt den Computer zum Schreiben und Sprachenlernen, er jasst und: «Ich würde auch gern Schach spielen, aber ich habe keinen Gegner. Ich war früher im Schachclub Rapperswil.» Auch im Kirchenchor Höfe (SZ) war er elf Jahre lang aktiv, und er will so gerne wieder singen, aber ... Corona belastet praktisch jeden, auch einen so engagierten und geselligen Menschen wie Kurt Bossart. Zum Glück kann er sich gut beschäftigen: Vokabeln lernen geht immer, in english, en français, in italiano, по-русски.

Sabrina Jöhl

Sabrina Jöhl
Mitarbeiterin Technischer Dienst

Seit fast sechs Jahren arbeitet Sabrina Jöhl, 30, im Technischen Dienst im süssbach. Eigentlich …

Seit fast sechs Jahren arbeitet Sabrina Jöhl, 30, im Technischen Dienst im süssbach. Eigentlich wollte sie Malerin werden, aber inzwischen ist sie überzeugt: «Ich hätte mir keinen besseren Job aussuchen können.»

Einen lange gehegten Wunsch endgültig aufzugeben, das dürfte den meisten Menschen schwerfallen. Auch Sabrina Jöhl war zunächst enttäuscht, als sie sich von ihrem ursprünglichen Berufswunsch, Malerin, mangels Lehrstelle verabschieden musste. Flexibel wie sie ist, machte sie stattdessen die Ausbildung zur Fachfrau Betriebsunterhalt an der WSL in Birmensdorf ZH (Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft). «Das war wirklich eine coole Ausbildung», sagt sie. 

Als Fachfrau Betriebsunterhalt lernt man die Grundlagen von etwa 15 verschiedenen Berufen. Welche das sind, erkennt man beim aufmerksamen Rundgang durch das Pflegezentrum Süssbach: Die Gartenanlagen sind gepflegt und die Wege auch im Winter sicher begehbar, die Sitzbänke sauber und einladend, die Beleuchtung und die Heizungen funktionieren überall, nirgends blättert Farbe von der Wand, die Sanitäranlagen sind sauber, die Abfallentsorgung erledigt sich scheinbar von selbst.

Kurz gesagt: Sabrina Jöhl und ihre sechs Kollegen sind die guten Seelen des Hauses. Ohne ihre Arbeit läuft hier nichts. Vieles wird in regelmäßigen Wartungsintervallen geprüft, aber auch für die täglichen kleinen Notfälle ist der Technische Dient gerüstet, vom tropfenden Wasserhahn bis zur defekten Glühbirne. «Man kann jeden Tag etwas Anderes machen, das ist wunderbar.»

Dazu kommt, dass im süssbach nicht nur die handwerklich-technischen Fähigkeiten von Sabrina Jöhl gefragt sind, sondern ganz besonders auch ihre Empathie, Hilfsbereitschaft und Kommunikationsfähigkeit. Sie ist im ganzen Haus unterwegs, jeder kennt die agile junge Frau, die immer ein freundliches Wort hat und auch mal mit anpackt, um den neuen Fernseher zu installieren: «Es ist mir immer eine Freude, wenn ich weiß, der Kunde ist glücklich und zufrieden. Das ist eben das, was mich hier erfüllt. Wenn ich am Unkrautzupfen bin, kann ich nebenbei noch ein Schwätzchen halten oder zuhören, damit breche ich mir keinen Zacken aus der Krone. Man bedenke immer, es ist für manche die letzte Station hier. Womöglich ist der Kunde am nächsten Tag nicht mehr da, aber ich konnte ihm wenigstens noch eine Freude machen, indem ich ihm meine Aufmerksamkeit geschenkt habe. 

Auch in der Freizeit ist Sabrina Jöhl viel in Bewegung – ihr Spanischer Windhund hält sie auf Trab, sie fährt gerne Töff und engagiert sich bei der freiwilligen Feuerwehr. Damit nicht genug, hat sie gerade die berufsbegleitende Weiterbildung zur Hauswartin mit eidgenössischem Fachausweis abgeschlossen und schliesst weitere Karriereschritte nicht aus. Ihrem ursprünglichen Berufswunsch weint sie keine Träne nach, ganz im Gegenteil: Im Nachhinein sei Sie glücklich darüber, dass das damals nicht geklappt hat. Etwas Besseres habe ihr nicht passieren können. 

Margrit und Robert Zweidler

Margrit und Robert Zweidler
Kunden

Die Geschichte von Robert und Margrit Zweidler, die letztes Jahr die Gnadenhochzeit feierten, ist …

Die Geschichte von Robert und Margrit Zweidler, die letztes Jahr die Gnadenhochzeit feierten, ist auch ein Stück Industrie- und Sozialgeschichte der Schweiz. Als Lokführer entwickelte Robert Zweidler ein technisch entscheidendes Bremsventil, das nach ihm benannt wurde. Sein Credo lautet: «Denken lohnt sich!» 

Haben Sie schon mal was vom Zweidler-Ventil gehört? Vermutlich nicht. Dabei hat das von Robert Zweidler erfundene Bremsventil höchstwahrscheinlich einigen Kunden und Angestellten der SBB das Leben gerettet. Von 1944 bis 1987 arbeitete er für die Schweizerischen Bundesbahnen, und obwohl der ehemalige Lokführer seit über 30 Jahren im Ruhestand ist, denkt man mitunter, er stehe noch manchmal auf dem Führerstand der Dampf- und später der Elektrolokomotive. Damals liess ihn die Arbeit oft auch am Feierabend nicht los, wenn er die Dienstuniform längst abgelegt hatte. So war das auch, als in den siebziger Jahren im Bahnhof von Basel eine Lok auf einen stehenden Schnellzug prallte: «Die Bremse hat komplett versagt, und dann ist er mit dieser Lok von 120 Tonnen auf den Schnellzug geknallt, elf Verletzte und über 200.000 Franken Schaden», erinnert sich Robert Zweidler, «und dann habe ich das grosse Überlegen angefangen, wie kann man das vermeiden, x Zeichnungen gemacht, wochenlang keine Lösung gefunden. Immer, wenn ich nachts nicht schlafen konnte, habe ich für technische Schwierigkeiten vielfach eine Lösung gefunden, und so war das auch in diesem Fall.» Mit dem Einbau des sogenannten Zweidler-Ventils – die Bezeichnung stammt nicht von ihm – konnte das einwandfreie Funktionieren der Örlikon-Bremse sichergestellt werden. Die Erfindung war seinem Arbeitgeber eine Prämie in Höhe von 12.000 Franken wert. Seine Dankesrede an die SBB beendete er mit den Worten «Denken lohnt sich!», und das ist auch heute noch sein Motto.Nun sind 12.000 Franken sicher nicht zu viel dafür, dass seine Erfindung vermutlich einige schwere Unglücksfälle verhindert hat. Und doch gab es Gerede unter den Kollegen: Das sei doch kein Verhältnis, für eine einfache technische Idee so viel Geld zu erhalten. Man merkt Robert Zweidler an, dass ihn der Neid und die Missgunst der Kollegen getroffen haben, aber er winkt ab – was kann einen nach fast einem Jahrhundert Lebenszeit denn noch überraschen an menschlichen Absurditäten. «Alles geht vorbei, in hundert Jahren spricht niemand mehr darüber.» Sein Humor und das verschmitzte Lächeln sind ihm jedenfalls geblieben und blitzen manchmal auf, wenn er von früher und von heute erzählt. So viel Unterschied sei da gar nicht, denn heutzutage würden die Leute mindestens genauso viel jammern wie früher, «und drum sollte das Jammern oberste Disziplin werden, dann gäbe es viele Goldmedaillen.» Er selbst würde dann allerdings leer ausgehen im Medaillenspiegel, ebenso wie seine Frau Margrit Zweidler. Sie ist ein eher ruhiger Typ, lässt lieber den Mann reden, aber sie hört zu und macht sich so ihre Gedanken. Früher absolvierte sie eine Haushaltsschule, arbeitete als Kindermädchen und Köchin, und als Margrit und Robert sich mit Anfang 20 beim Konzert eines Musikvereins kennenlernten, war es Liebe auf den ersten Blick. Heute, 71 Jahre später, ahnt man, woher die Gnadenhochzeit ihren Namen hat: Sich nach langen Jahrzehnten noch freuen zu können über die verbleibende gemeinsame Zeit, das ist tatsächlich eine Gnade. Beide nutzen gerne die vielfältigen Möglichkeiten der Tagesgestaltung, die der süssbach anbietet, seien es Ausflüge in die Umgebung und die Mitarbeit beim Kochen, Backen und der Balkonpflanzenpflege. Selbst wenn sie eines Tages «von der Bildfläche verschwinden», wie Robert Zweidler es ausdrückt, wollen sie noch nützlich sein, und zwar für die Anatomieausbildung der Ärzte. Das sei eine kleine Rückgabe an die Medizin, denn schliesslich seien sie schon wiederholt auf dem Operationstisch repariert worden. Humor, gestählt durch ein Jahrhundert, ist offensichtlich unverwüstlich. 

Raymonde Läderach

Raymonde Läderach
Kundin

Die gelernte Coiffeuse arbeitete zusammen mit ihrem Mann im eigenen Coiffeursalon in Basel. Auch als …

Die gelernte Coiffeuse arbeitete zusammen mit ihrem Mann im eigenen Coiffeursalon in Basel. Auch als vierfache Mutter war Raymonde Läderach weiterhin berufstätig. Sie vertritt den für ihre Generation nicht selbstverständlichen Grundsatz: Kinder werden niemals geschlagen! «Es gibt nichts Schöneres als Kinder», sagt sie.

Raymonde Läderach hat etwas Leichtes, Graziles an sich. Mit ihren 93 Jahren wirkt sie nahezu jugendlich, gepflegt und sportlich, den Rollator nimmt sie nur zur Sicherheit für die täglichen Spaziergänge in den Grünanlagen rund um den süssbach. Wie schafft sie es, sich dermassen fit zu halten? 

Darauf hat sie eine ganz einfache Antwort: «So bleiben wie man ist, ganz normal leben.» Aber was heisst schon normal im Laufe eines so langen Lebens? Ihre Kindheit und Jugend in Vevey, einem sonnenverwöhnten Ort am Genfersee, war beschattet durch die Sorge um ihre depressive Mutter, die freiwillig aus dem Leben schied. Da hatte die junge Frau ihre Lehre als Coiffeuse bereits beendet und lebte in Basel, um Deutsch zu lernen. Hier lernte sie ihren Mann kennen, ebenfalls Coiffeur, mit dem sie vier Kinder hatte und einen eigenen Salon führte. Eigentlich wollte sie sechs, denn «es gibt nichts Schöneres als Kinder», sagt sie. Trotz der zwei Fehlgeburten und der vielen Arbeit – auch als Mutter arbeitete sie weiterhin als Coiffeuse – schaut sie glücklich und dankbar auf ihr Leben zurück. «Wenn man will, geht alles», sagt sie leichthin, und die beständige lange Ehe hat ihren Teil dazu beigetragen. Sie und ihr Mann waren sich einig: Die Kinder werden nicht geschlagen, niemals. Auch heute noch hat sie kein Verständnis für die oft verharmloste Ohrfeige: «Wenn ich sehe, dass jemand ein Kind schlägt, muss ich mich beherrschen, dass ich nicht zu der Mutter geh und sag: Möchten Sie auch eine?»

Die liebevolle Erziehung hat sich bewährt. Alle vier Kinder, die sieben Enkel und drei Urenkel besuchen sie regelmässig oder holen die Mutter ab. Die Tochter bringt ihr immer Bücher mit, denn Raymonde Läderach liest gerne, alles was spannend ist, auch Krimis, «nur Liebesromane, die find ich blöd. Liebesromane muss man erleben, nicht lesen.» Ihren Humor hat die starke Frau nicht verloren, auch als sie sich nach einem komplizierten Mehrfachbruch des rechten Armes nicht mehr selbst versorgen konnte. Das war vor zwei Jahren. Bis dahin hat sie nach dem Tod des Mannes selbstständig in ihrer Wohnung gelebt und konnte sogar mit dem Computer umgehen. Für den süssbach hat sie sich entschieden, weil ein Sohn nebst Familie in Brugg wohnt und sie täglich besucht. Sie hat sich gut hier eingelebt. «Ich bin zufrieden, und manchmal jubel ich vor Freude, je nachdem was in der Familie ist». 

Die Familie gibt ihr offensichtlich viel Anlass zum Jubeln. Das Glück sieht man ihr an, und die positive Lebenseinstellung wirkt sich auf ihre Umgebung aus: «Sie sagen immer, ich sei hier im süssbach der Sonnenschein», sagt sie, und sie strahlt dabei. 

Loredana Vecchio

Loredana Vecchio
Pflegefachfrau HF

Loredana Vecchio hat schon ihre Ausbildung im süssbach absolviert und arbeitet nun seit sechs …

Loredana Vecchio hat schon ihre Ausbildung im süssbach absolviert und arbeitet nun seit sechs Monaten als Diplom Pflegefachfrau HF auf der Station BCD. Sie macht sich viele Gedanken über ihren Beruf, für den man ihrer Erfahrung nach gleichermassen Kopf und Herz braucht: «Wenn du zuviel Herz hast, bist du zu fest involviert in die Schicksale, und wenn du nur den Kopf hast, bist du nicht Mensch genug.»

Den Pflegeberuf hat man Loredana Vecchio zwar nicht in die Wiege gelegt, aber zumindest in die Schultasche, denn ihre Mutter hat sich im Rahmen der Erwachsenenbildung zur Fachfrau Gesundheit weitergebildet. So konnte Loredana fast 1:1 miterleben, was man alles lernen muss und wie vielfältig die Arbeit ist, sie hat ihr Interesse an der Anatomie entdeckt, an den sozialen Aspekten und den praktischen Fragen, die in der Pflege relevant sind. Zu Beginn der Ausbildung war sie im Spital, merkte aber bald, dass die Kurzzeitpflege nicht ihrer Vorstellung vom angemessenen Umgang mit kranken Menschen entspricht. Für sie gehört mehr dazu: «Was ist die Story hinter dem Menschen? Gesundheit, Krankheit, da spielen ganz viele Dimensionen des Lebens mit, und das hat mir einfach gefehlt.» Die fehlenden Anteile fand sie in der Langzeitpflege, und sie bedauert, dass sich viele einfach ein falsches Bild von der Arbeit in einer Langzeitpflegeeinrichtung machen. «Sie meinen, es kommen einfach alte Leute zu uns und bleiben dann hier. Aber sehr viele kommen vom Spital zur Übergangspflege, damit wir sie wieder aufbauen, bis sie wieder heimgehen können.» Loredana Vecchio hat sich jedenfalls ihre eigene, auch durchaus kritische Meinung gebildet. Da sie und ihre Kolleginnen und Kollegen hohe Ansprüche an sich und ihre Arbeit stellen, legt sie Wert darauf, genug Zeit für die Kunden zu haben. Sich auch mal länger unterhalten zu können, bei Bedarf jemanden zu trösten, sei schliesslich ein wichtiger Bestandteil der Pflege. Sie ist mit hohem Engagement, mit Kopf und Herz dabei. Ist es nicht manchmal schwierig, als junge Frau einen wesentlich älteren Mann zu waschen? «Nein. Wenn das für mich ein Problem wäre, dann könnte ich den Job nicht machen.» Natürlich macht sie sich manchmal Gedanken über das eigene Alter, aber im Moment ist das für die 24-Jährige noch weit weg. Bis dahin hat sie noch viel vor – von daheim ausziehen, reisen, fotografieren, sich beruflich weiterbilden und: möglichst fit und selbstständig bleiben bis ins hohe Alter. Wie wichtig der eigenen Anteil daran ist, erlebt sie jeden Tag: «Alle reden heute davon, wir müssen gesund sein, fit sein, Ernährung, saubere Luft ... aber was investieren wir eigentlich wirklich für unsere Gesundheit? Ich denke, viele Leute sind sich nicht bewusst, wie sehr die mentale Einstellung die körperliche Gesundheit beeinflusst.» Das Fazit daraus kann man nur jedem ans Herz und Hirn legen. 

Martha und Walter Jordi

Martha und Walter Jordi
Kunden

Als Siebenjährige kam Martha als Verdingkind auf einen Bauernhof. Später sorgten Martha und Walter …

Als Siebenjährige kam Martha als Verdingkind auf einen Bauernhof. Später sorgten Martha und Walter Jordi als Leiter der Landwirtschaft eines Schulheims dafür, dass unzählige sogenannte schwer erziehbare Buben in einem förderlichen, liebevollen Umfeld aufwachsen konnten. Walter Jordis Credo: «Für mich gibt es keine bösen Buben.»

Walter Jordi schliesst im Gespräch manchmal kurz die Augen. Ist ihm so langweilig, dass er gleich einschläft? Im Gegenteil: Er ist hellwach und erzählt sehr lebendig und detailreich von seinem wechselvollen Leben. Seine Frau störe das manchmal, die geschlossenen Augen, sagt er. Aber 67 glückliche Ehejahre kann solch eine kleine Störung nicht trüben – zu viel haben sie schon erlebt, Bitteres und Schönes. 

Im süssbach sind sie seit dem 01. September 2019, das weiss Martha Jordi genau, denn der Umzug sei schon einschneidend gewesen. Zuvor haben sie in einem schönen Zweifamilienhaus mit grossem Garten in Effingen gewohnt, zusammen mit der Tochter und deren Familie. Als die Malaisen des Alters allmählich zunahmen, wurden sie von der Spitex versorgt und «immer vorzüglich behandelt. Wir haben eine hervorragende Spitex, wir haben uns richtig lieb gehabt.» Aber als der Alltag immer mühsamer wurde und irgendwann die Beine nicht mehr mitmachten, beschlossen sie, gemeinsam in den süssbach zu zügeln, denn die Kinder wohnen in der Nähe, der Arzt hat ihnen das Haus empfohlen und, nicht zu vergessen: Sie wollten bewusst an einen Ort, an dem sie noch neue Kontakte knüpfen können. Im Gegensatz zu seiner Frau ist Walter Jordi schon rundum angekommen. «Ich bin halt ein Mann. Die Männer, sie reden nicht. Wenn sie reden, so sind sie oft anderer Meinung als die Frau, aber wir kommen sehr sehr vorzüglich miteinander aus.»

Das hat er wohl schon damals geahnt, als er auf einer Versammlung der Reformierten die Mädchen sah: «Dann hab ich geschaut und geschaut und gesagt: ‹Dieses Mädchen muss meine Frau werden.› Und so ist es geblieben.» Und das, obwohl die bittere (Fehl)diagnose eines Arztes das junge Glück belastete: Martha könne keine Kinder bekommen. Schauen wir mal, meinte daraufhin Walter Jordi, und dann bekamen sie zwei Mädchen und zwei Buben – ein Gottesgeschenk. Überhaupt hat ihnen der Glaube wesentlich dabei geholfen, die Härten des Lebens zu ertragen. Martha Jordi spürte sie bereits mit sieben Jahren, als sie durch den Tod des Vaters zum Verdingkind wurde – wie unzählige andere Kinder ihrer Zeit. «Dann kam die Gemeinde und hat gesagt: ‹Auflösen, fertig, die Kinder weg.› Das war für Mutter eine sehr schwere Sache. Wir wurden in der Zeitung ausgeschrieben und dann kamen die Bauern und haben gesagt: ‹Ja, die könnten wir noch gut brauchen.› Ich war bei Bauern und hab hart arbeiten müssen.» Ihre Mutter wollte wenigstens das kleinste ihrer acht Kinder behalten, aber die Gemeinde kannte kein Erbarmen: «Nein, das geht nicht, Sie haben nichts zu befehlen, die Kleine kommt auch weg.» Martha durfte nur auf die Primarschule, obwohl der Lehrer dringend die Sekundarschule empfohlen hatte. Nein, sie muss arbeiten, sei die Antwort der Ersatzeltern gewesen. «Ich durfte nichts lernen», sagt sie, ohne Vorwurf in der Stimme. Stattdessen hat die Bauersfrau sie gelehrt, zu beten. 

Walter Jordi erinnert sich dagegen an eine schöne, wenn auch karge Jugendzeit im Emmental. Die sechsköpfige Familie hatte zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Der junge Walter war ein guter Schüler und hätte gerne studiert, aber weil das finanziell nicht machbar war, absolvierte er mit 16 Jahren eine Ausbildung als Betriebshelfer auf einem Bauernhof. Im Winter hat er Bäume gepflegt, im Sommer Kühe gemolken – was eben so anfällt auf einem Bauernhof. Und nebenbei erwähnt Walter Jordi, dass Johann Heinrich Pestalozzi, der Schweizer Reformpädagoge, hier in der Region gewirkt habe, im 18. Jahrhundert. Wen wunderts? Pestalozzi ist Ehrenbürger von Effingen. 

Aus heutiger Sicht waren das fast unvorstellbar harte Zeiten. Dennoch, oder gerade deshalb: kein Wort der Klage und des Jammerns, sondern eine herzerfrischende, sympathische Mischung aus Pragmatismus und klarem Blick für die Realität. Befragt nach dem Rezept ihrer langen, glücklichen Ehe, meint Martha Jordi ganz nüchtern: Wir hatten beide kein Geld, also mussten und konnten wir auch gut miteinander auskommen. Für ihre Hochzeit und erste bescheidene Möbel musste das junge Ehepaar Geld leihen, auch für manch eine Busfahrt zur Arbeit; bezahlt wurde dann auf der Rückfahrt vom Tageslohn. Arbeit von früh bis spät, bei Bauern, als Putzhilfe, Köchin für 85 Personen, Waschfrau – ohne elektrische Waschmaschine, versteht sich – , und doch reichte das Geld nicht. Ein Besuch mit dem Kind bei den Schwiegereltern: Nicht möglich, der Junge hat ja nichts anzuziehen. Und dann geschahen immer wieder diese Wunder, wenn plötzlich Pakete kamen mit Kleidung für die Kinder, tiptop gereinigt, geschickt von der Frau des Gemeindeschreibers, obwohl sie keine Ahnung von der existenziellen Not der jungen Familie hatte. Niemand durfte das wissen. Eines Tages erfuhr die Frau durch Zufall dann doch davon, erzählt Martha Jordi, «und dann sagte sie: ‹Warum haben Sie mir das nicht gesagt? Ich hätte Ihnen geholfen.›» 

Glücklicherweise wussten sie sich – ganz im Sinne Pestalozzis – selbst zu helfen. Walter Jordi besuchte Kurse, bildete sich weiter zum Saatgutspezialisten, und schließlich wurde ihm die Stelle als Leiter der Landwirtschaft des Schulheims Effingen angeboten (1866 gegründet als «Erziehungsanstalt für sittlich verwahrloste oder der Verwahrlosung ausgesetzte Kinder»). «26 Buben hatten wir. Ganz schwierige», sagt die Frau, und der Mann: «Für mich gibt es keine bösen Buben. Wieso sind sie so geworden? Die haben‘s einfach schlecht getroffen mit den Eltern oder den Freunden, oder der Mann oder die Frau ist davon gelaufen ... es war einfach schrecklich.» Auch Martha Jordi arbeitete in dem Schulheim, hat alles gewaschen und geflickt für die Jungen und mit ihnen zusammen den Gemüsegarten bewirtschaftet. Harte Arbeit sei das gewesen, aber auch schön. Und nicht genug damit: Walter Jordi war 16 Jahre lang gleichzeitig Gemeindeammann in Effingen und führte zusammen mit seiner Frau die örtliche Raiffeisenkasse. 

Manche der Zöglinge von früher haben den Kontakt zu ihren ehemaligen Betreuern noch lange gehalten. Die eigenen vier Kinder, zwei davon schon pensioniert, sind wohlauf, ebenso die sechs Enkel und sechs Urenkel. Alle halten zusammen, besuchen regelmässig die (Ur)gross)eltern. «Es ist herrlich, es ist einfach herrlich», sagt Walter Jordi. Zum Schluss geben sie doch noch einen Tipp für eine lange glückliche Ehe. Er kann zeit- und generationenunabhängig funktionieren: «Wir haben einander halt immer sehr lieb gehabt und immer alles zusammen gemacht und zusammen die Kinder gehütet.» Und vielleicht das Wichtigste: Nie im Zorn einschlafen.

Andrea Schmid

Andrea Schmid
Stationsleiterin

Andrea Schmid hat vor zwölf Jahren als Fachfrau Gesundheit im süssbach angefangen und wurde …

Andrea Schmid hat vor zwölf Jahren als Fachfrau Gesundheit im süssbach angefangen und wurde innerhalb von nur zehn Jahren Stationsleiterin. Von Anfang an war ihr klar, dass sie in der Langzeitpflege arbeiten will: «Ich finde es wichtig, den Menschen als Ganzes kennenzulernen.» 

Nach der Schule hat Andrea Schmid in verschiedene Richtungen geschnuppert, von der Floristik bis zum Hochbau, auch in der Pflege. Im süssbach wusste sie nach nur einem Tag: Ja, das ist es. «Nah am Menschen» will sie arbeiten, und viel näher als in der Langzeitpflege kann man jemandem beruflich wohl kaum kommen. Gleich nach ihrer Ausbildung zur Fachangestellten Gesundheit im Gesundheitszentrum Fricktal begann sie im süssbach zu arbeiten. Das war genau ihr Wunsch gewesen: in einem eher kleinen Haus zu arbeiten, in idealer Entfernung zu ihrem Wohnort im Fricktal. Inzwischen hat sich die Anzahl der Stationen hier allerdings mehr als verdoppelt, doch Andrea Schmid ist flexibel und weiss die positiven Seiten der Vergrösserung zu schätzen. Die Kunden haben jetzt die Wahl zwischen verschieden ausgestatteten Häusern, und: «Im Kern ist es immer noch der süssbach!» Es sei spannend, an den mit der Erweiterung verbundenen neuen Konzepten mitzuarbeiten. Im Laufe der Jahre absolvierte sie die Fachvertiefung Langzeitpflege und Betreuung und ist inzwischen Stationsleiterin im süssbach – eine Arbeit, die ihr liegt, weil sie damit auch planerisch-gestalterisch gefordert ist. Gleichzeitig legt sie Wert darauf, auch Zeit mit den Kunden verbringen zu können – 26 sind es auf ihrer Station –, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, etwas über ihre Biografie zu erfahren. Ein weiterer Punkt, den sie spannend findet, ist das Thema Multimorbidität, der in der Langzeitpflege zunehmend von Belang ist, weil die Menschen heutzutage möglichst lang und auch gut daheim versorgt werden. Gehen sie aus aktuellem Anlass, sei es ein Knochenbruch oder der Tod des Partners, ins Pflegeheim, ist es nicht wie im Akutbereich damit getan, den Knochenbruch zu versorgen, denn in der Regel kommen alterstypische Krankheiten dazu. In einem therapeutisch gut ausgestatteten Haus wie dem süssbach lässt sich auch dann das Befinden der Kunden durchaus noch verbessern. Die Kunst und die Herausforderung ist, das zu verstehen und anzuwenden innerhalb des komplexen Geflechts aus Biografie, Persönlichkeit, Krankheiten, Therapien und persönlicher Situation jedes Kunden. Andrea Schmid: «Ich möchte, dass sie es gut hier haben. Sie sollen das Leben geniessen können.»