Ilse Reissner, Bewohnerin

«Mache alles, was du gern magst, so gut es geht.»

Ilse Reissner, Jahrgang 1944, ist in der österreichischen Steiermark aufgewachsen, lebt aber schon fast sechzig Jahre in der Region Brugg, zwei davon im süssbach. Sie erzählt von ihrem sehr aktiven Leben, von ihrer Parkinsonerkrankung und davon, was ihr wirklich wichtig ist.


Wer ich bin? Ein ganz normaler Mensch, der sich nicht viel sagen lässt und nicht gerne streitet. Meine Kindheit war happy, recht bescheiden, aber happy. Wir hatten ein Butterbrot mit Mohn darauf und einen Apfel. Das war genug. Mein Bruder und ich sind in den Bergen aufgewachsen, in Knittelfeld in der Steiermark. Der Vater hat eine Skischule gehabt, die Mutter betreute bei unserem Skilift die Kasse. Ich durfte die Tickets abreissen. In der Kinderwelt war das ganz schön was Wichtiges! Wir haben nur Skifahren gehabt – Skifahren, Skifahren. Erst hatte ich so Rutscherli, mit sechs bekam ich den ersten Fischer-Ski. Und natürlich Skischule. Beim Vater. Manchmal hiess es: «Die Ilse hat wieder so schnell überholt!» Gekümmert hat mich das kaum. Der Winter war unser Paradies, die schönste Jahreszeit!

Zuerst habe ich die Haushaltungsschule besucht und danach bin ich Sportartikelverkäuferin geworden. Mit einundzwanzig zog ich nach Bremen, weil mein Boyfriend da studiert hat. Dann ist er Dozent geworden an der neu eröffneten HTL in Windisch. Die erste Station in der Schweiz war also Windisch, dann der Rebmoosweg, nach der Scheidung der Bilander, vierzehnter Stock, mit wundervoll schöner Aussicht auf die Linner Linde, die Gisliflue und das Aaretal.

Ich war vierzehn Jahre lang verheiratet. Mit vierunddreissig wurde ich geschieden. Das war schon richtig, aber es hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen. So bin ich nach Innsbruck gefahren, zu meiner Cousine, alles in zwei Koffern. Ich habe da als Skilehrerin gearbeitet. Und im Sommer bin ich etwas in der Welt herumgebummelt. So weit, wie das Geld reichte. Meine Ansprüche waren ja nie gross. Bally-Schuhe und Fünfsternehotels brauche ich keine. Auch später, als ich mehr verdiente, war die Welt zu entdecken mein grösster Luxus: Asien, Südamerika, New York. Chile, Machu Picchu – das hat riesigen Eindruck gemacht. Und die Chinesische Mauer!

Nach drei Wintern als Skilehrerin bewarb ich mich bei der UBS, wurde genommen und blieb da für 24 Jahre, bis zu meiner Pension. Ich war Sekretärin im Bereich Fremdwährungen, Devisenhandel. Nichts Hochstehendes, aber ich lernte eine Menge, telefonierte in die ganze Welt. Ich war ja doch ein Landkind, das nicht gewusst hatte, dass es Devisenhandel gibt – und plötzlich war ich in Zürich, in so einer grossen Bank! Nach Feierabend spazierten wir Sekretärinnen durch die Stadt, gingen auf den See hinaus, assen belegte Brote, tranken ein Bier dazu. Oh, ja, das war eine schöne Zeit!

Und jetzt bin ich hier im Süssbach. Es ist alles klein, aber es reicht. Ich bin eine alte Schachtel. Mehr brauche ich nicht, passt so. Ich habe das Gewackel, Parkinson. Die Krankheit kennt nur abbauen, abbauen, abbauen. Und ich muss lernen, damit zu leben. Es ist so anstrengend, das kann man sich nicht vorstellen. Losheulen könnte ich und rote Augen haben vor lauter Weinen, aber das nützt nichts. Was mir Kraft gibt? Ich mir selbst. Ich möchte einfach da sein und würde noch gerne etwas erleben. Die Hoffnung nicht aufgeben. Zeit verbringen mit meinen Freundinnen, den Menschen zuschauen, draussen sein.
Ich habe es gut getroffen, bin nie gebunden gewesen, habe tun und lassen können, was ich wollte. Die Freiheit habe ich stets hochgehalten. «Mache alles, was du gern magst, so gut es geht.» Das ist meine Einstellung zum Leben.